Das dunkle Biest lauert auf dem Baum. Schlendert sein Opfer darunter vorbei, springt das Tier aus dem Hinterhalt, beißt sich an der Haut fest und saugt das Blut aus. Die Vorstellung von auf den Bäumen sitzenden Zecken hält sich hartnäckig. Doch sie ist schlichtweg falsch. Ängstlich unter Bäumen im Wald spazieren muss zwischen Frühjahr und Herbst daher niemand. Denn in luftigen Höhen sitzen Zecken, hierzulande meist der Gemeine Holzbock, nicht. Die Blutsauger finden sich vielmehr im Gras oder im Gebüsch. Mensch oder Tier nehmen sie von dort mit, wenn sie sich im Freien bewegen. Hat der ungebetene Gast einen Wirt gefunden, sucht er eine gut durchblutete dünne Hautstelle, um mit seinen Mundwerkzeugen in die Haut einzudringen, Blut zu saugen und sich so zu ernähren. Spürbar ist der Biss - der eignetlich ein Stich ist - nicht, da der Zeckenspeichel die Haut betäubt.
Der Blutverlust alleine ist ungefährlich. Allerdings übertragen
die kleinen Spinnentiere Erreger - darunter Viren, die eine Gehirnhautentzündung
auslösen können. Im Jahr 2011 wurden 423 Fälle der sogenannten
Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) in Deutschland dem Berliner
Robert-Koch-Institut (RKI) gemeldet. Erreichen die Temperaturen ungefähr sechs
Grad, werden die Spinnentiere wieder aktiv - und damit steigt die Gefahr, von
ihnen gestochen zu werden.
Fieber, Kopfschmerzen, Erbrechen
Zwar erkranken vergleichsweise wenige Menschen deutschlandweit an
FSME, die mit grippeähnlichen Symptomen wie Fieber, Kopfschmerzen und Erbrechen
beginnt. Doch bei bis zu dreißig Prozent aller Betroffenen führe die Erkrankung
zu Gehirnhaut- oder Gehirnentzündungen, sagt Jochen Süss, Leiter des Nationalen
Referenzlabors für durch Zecken übertragene Krankheiten am
Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) in Jena. Bei etwa zehn Prozent dieser schwer
Erkrankten bleiben dauerhafte neurologische Schäden wie Lähmungen. "Wenn man
bedenkt, dass es eine sichere Impfung gegen FSME gibt, müsste dies nicht sein",
ist sich der Experte vom FLI sicher. Dabei ist nicht jeder Biss einer Zecke
gefährlich. Vor allem in Süddeutschland ist das Risiko hoch, dort tragen bis zu
fünf Prozent der Zecken den FSME-Erreger in sich. Bayern und Baden-Württemberg
zählen dem RKI zufolge daher zu den Risikogebieten, genauso wie einzelne Bezirke
in Rheinland-Pfalz, in Hessen und im südlichen Thüringen.
"Wer in einem Risikogebiet wohnt oder dort Urlaub machen will und
sich häufig im Freien aufhält, sollte sich besser gegen FSME impfen lassen",
empfiehlt RKI-Sprecher Günther Dettweiler. Drei Injektionen seien dafür nötig,
zwischen der ersten und der zweiten liegen drei bis vier Wochen. Vierzehn Tage
nach der zweiten Spritze baut der Körper einen Schutz auf. Ein Langzeiteffekt
von drei bis fünf Jahren ist mit einer dritten Impfung - neun bis zwölf Monate
nach der ersten Injektion - zu erreichen. Die Kosten der Impfung werden für
Bewohner von Risikogebieten von der gesetzlichen Krankenkasse übernommen. Auch
wer dort einen Urlaub plant, bekommt die Spritze bezahlt. Zwar kann schon ab dem
vollendeten ersten Lebensjahr geimpft werden, doch ein Teil der Ein- bis
Zweijährigen reagiert darauf mit hohem
Fieber. Bei Kleinkindern sollte daher abgewogen werden, ob wirklich ein
Risiko besteht, an FSME zu erkranken.
Je eher die Zecke entfernt wird, desto besser
Häufiger als FSME übertragen Zecken sogenannte Borreliose-Bakterien,
die beim Menschen eine Infektionskrankheit mit unterschiedlichen Symptomen
auslösen können, die sogenannte Lyme-Borreliose. "Fünf bis 35 Prozent der Zecken
sind mit diesem Erreger befallen", sagt RKI-Sprecher Dettweiler. Die Gefahr,
durch einen Zeckenstich an Borreliose zu erkranken, ist - im Gegensatz zu den
hauptsächlich in Süddeutschland verbreiteten FSME-Erregern - in allen
Bundesländern annähernd gleich hoch. Allerdings muss auch hier niemand in Panik
verfallen, wenn er eine Zecke bei sich findet, denn die Bakterien werden nicht
nach jedem Biss übertragen. Von 100 Menschen, die von einer Zecke gebissen
werden, erkrankt geschätzt eine Person an Borreliose. Dabei gilt: Je früher die
Zecke entfernt wird, desto geringer das Risiko. "Hat sie sich weniger als zwölf
Stunden am Wirt festgesaugt, wurden wahrscheinlich keine Borrelien übertragen",
sagt Andreas Krause, Chefarzt der Abteilung Innere Medizin, Rheumatologie und
Klinische Immunologie am Immanuel Krankenhaus in Berlin. Denn es dauert, bis die
Bakterien aus dem Darm der Zecke mit dem Speichel in die Wunde
gelangen.
Bakterien können Herz, Gehirn und Nerven befallen
Eine Impfung gegen die Lyme-Borreliose gibt es nicht. Wird sie
rechtzeitig erkannt, kann sie gut mit Antibiotika behandelt werden. "Die
Diagnose ist aber nicht immer einfach", sagt Krause. In den meisten Fällen
bildet sich nach ein bis zwei Wochen rund um die Stichwunde ein rötlicher Hof,
der sich langsam ausbreitet. Manchmal bleibt diese sogenannte Wanderrötung der
Haut, die in der Regel nicht juckt oder schmerzt, aber auch aus. "Dann kommen
Patienten mit Fieber, Kopfschmerzen oder geschwollenen Lymphknoten zum Arzt",
sagt Krause. "Diese Symptome sind nicht eindeutig. Weil viele Patienten nie eine
Zecke an sich gefunden haben, bleibt die Lyme-Borreliose mitunter unentdeckt."
In etwa 20 Prozent der Erkrankungen befallen die Bakterien nach einiger Zeit
Nerven, Gehirn oder das Herz und lösen so Hirnhautentzündungen, Lähmungen,
Herzrhythmus-Störungen oder Herzmuskelentzündungen aus. Noch ein bis zwei Jahre
nach dem Zeckenbiss kann es zu Gelenkentzündungen, der sogenannten
Lyme-Arthritis, kommen. Mitunter leidet auch die Haut: Sie verfärbt sich
rot-blau und wird sehr dünn. "Das klingt zwar dramatisch, 90 Prozent der schwer
Erkrankten werden aber durch eine Therapie mit Antibiotika wieder völlig gesund,
ohne dass bleibende Schäden entstehen", sagt Krause. Allerdings kann das
dauern.
Schätzungen zufolge erkranken in Deutschland jährlich bis zu
60.000 Menschen an Borreliose, meldepflichtig ist die Erkrankung aber nur in den
neuen Bundesländern. "Uns liegen daher auch nur für diese Gebiete verlässliche
Zahlen vor", sagt Dettweiler vom RKI. Im Jahr 2011 infizierten sich demnach
knapp 8000 Menschen mit den Bakterien. Seit den 90er Jahren steigt die Zahl der
gemeldeten Fälle laut RKI nicht nur in Deutschland an - was dem
Instituts-Sprecher zufolge auch daran liegen kann, dass immer mehr Menschen ihre
Freizeit an der freien Luft verbringen. Aber auch aufmerksamere Ärzte, die
Borreliose besser diagnostizieren, könnten ihren Teil dazu beitragen. "Eine
Rolle kann auch die zunehmende Verbreitung der Zecken durch den Klimawandel
spielen", sagt Süss vom FLI. Denn wärmere Temperaturen und mehr Niederschläge
sind für die Spinnentiere von Vorteil.
Nicht alle Zeckenschutzmittel helfen
Das Risiko, an einem Zeckenbiss zu erkranken, lässt sich mit ein
paar einfachen Tipps verringern. Bei einem Spaziergang durch Wald und Wiese
empfiehlt es sich, festes Schuhwerk, lange Hosen und langärmelige Oberteile zu
tragen. "Auf weißer Kleidung sind Zecken besser zu erkennen", sagt Dettweiler.
Nach dem Spaziergang sollten dünne und warme Hautstellen untersucht werden: Sind
Zecken an Armen, Achselhöhlen, Kniekehlen, am Hals oder auf dem Kopf zu finden?
Auch Zeckenschutzmittel, die auf die Haut aufgetragen werden, können ein Schutz
sein. "Allerdings nur für ein paar Stunden, dann kann man sich nicht mehr auf
sie verlassen", sagt Chefarzt Krause. Auf manche Mittel ist gleich gar kein
Verlass, wie eine Untersuchung
von Stiftung Warentest zeigte. Bei einigen der 20 untersuchten
Zeckenschutzmittel stürzten sich die Biester schon nach wenigen Minuten auf ihr
Opfer - trotz Spray oder Lotion.
Hat sich der Blutsauger festgebissen, sollten auf keinen Fall Öl,
Nagellack oder Kleber zum Einsatz kommen. Diese Hausmittel sind nicht nur alt,
sondern auch falsch: Wird die Zecke so gereizt, speit sie erst recht Bakterien
und Viren in den Körper aus. Ähnliches passiert, wenn die Tiere zusammengedrückt
werden. "Dann gelangen ebenfalls mehr Erreger in die Wunde", sagt Dettweiler. Am
besten ist es daher, die Zecke direkt oberhalb der Hautfläche zu greifen und
gerade herauszuziehen. Eine Zeckenzange oder eine Pinzette sind dafür hilfreich.
Wird die Zecke nicht ganz erwischt, kann sich die Wunde entzünden. Auch wenn
leichtes Drehen oder Ruckeln hilfreich ist, auf die Drehrichtung kommt es
entgegen der landläufig verbreiteten Meinung nicht an. Auch das ist eines der
Gerüchte, die sich um die blutsaugenden Spinnentiere ranken.
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